39Textauszüge
aus dem zweiten Roman von Erika P. Dellert-Vambe:
DL007; ISBN 978-3-900044-25-1 (Edition DruckLust)

"Gefickte Seele - Vernarbte Haut"
 
erhältlich seit 30.11. 2010,
Taschenbuch, 308 Seiten, mit 17 farbigen Abbildungen



aus Kapitel 1 - Hurenkind 
„Lebst du auf der Straße? Hast du ein Zuhause?“
Heinrich betrachtet ihn misstrauisch. Er mag solche Fragen nicht.
„Ja, hab ich.“ Und etwas leiser, mit weniger Trotz. „Wenn er eingeschlafen ist, kann ich heimgehen.“
Philip betrachtet ihn, sieht, wie müde Heinrich ist.
39 „Und dort kannst du dich waschen? Kriegst was zu essen?“
Heinrich zuckt die Achseln, weicht seinen Augen aus.
„Duschen nicht, davon wacht er auf. Am Klo wasch ich mich.“
Philip atmet tief durch. („Eine abgeschnittene Jean, ein T-Shirt. Keine Schuhe. Es war kühl heute, kein Wetter für Sommersachen. – Er ist von zuhause weggelaufen, bestimmt schon vor Tagen.“)
„Bei mir kannst du ein heißes Bad nehmen, etwas Warmes essen. Auch schlafen, wenn du magst“, schlägt er dem Jungen vor. („Und dann erzählt er mir seine Geschichte…“)
Heinrich schaut ihn irritiert an. Dann sagt er, ganz leise, so leise, dass Philip sicher ist, sich verhört zu haben: „Aber ficken dürfen Sie mich nicht. Das tut weh.“
„Was sagst du?“
„Ich kann es Ihnen mit dem Mund machen.“ Heinrich zittert. „Das kann ich schon. Aber das andere tut mir weh. Das mag ich nicht.“
Philip starrt ihn an. Er hat ihn richtig verstanden. („Scheiße, der kann doch höchstens dreizehn sein!“)
„Ich will dich nicht … ficken.“ Er hat Mühe, dieses hässliche Wort auszusprechen, das in dem Mund des Jungen eine noch viel grässlichere Bedeutung hat. „Duschen, was essen, ausschlafen – aber ich kann dich auch zur Polizei bringen, wenn du Angst vor mir hast. Ich lass dich nur nicht hier, in diesem Park zurück!“


41aus Kapitel 4 - Fotze
„Ich mach dir Tee und lass dir gleich ein heißes Bad ein“, sagt Philip und hantiert an Herd und Badewanne.
Dann wendet er sich wieder Heinrich zu, kauert am Ende der Bank nieder und berührt einen nackten Fuß, der ein wenig aus dem wärmenden Frottee herausschaut.
Heinrichs Augen sind blutunterlaufen, sehen fiebrig aus. Seine Lippen sind so blau, als würde ihm nicht nur die Kälte zu schaffen machen. Er hustet ein paar Mal hässlich, und Philip rutscht zu ihm auf die Bank, reibt mit dem Bademantel seine mageren Schultern.
„Was ist passiert?“
„Ich hab' ihn umgebracht“, flüstert Heinrich.
„Wen? Deinen Papa?“ Philip hasst es, dieses Wort für so ein Monster zu verwenden – und betont es deshalb so zynisch wie möglich.
Heinrich schaut ihn an. „Er hat es mir versprochen …“, flüstert er erregt. „Hat mir versprochen, mich nicht mehr anzufassen…“ Er würgt an ein paar aufsteigenden Tränen.
„Ich bin keine Fotze! Keine Schlampe …“ keucht er, immer mehr weinend. „Nicht eine seiner Huren – wie Mama … - Ich bin doch nicht Melanie! Hab ich ihm gesagt! Mama ist tot … - Was willst du von mir?“ Die Tränen und das Schluchzen verstümmeln seine Stimme und alles, was jetzt aus ihm herauskommt, wird völlig unverständlich.
Philip nimmt ihn in den Arm, drückt ihn, bis er sich etwas beruhigen kann.
„Das Skateboard …“, versteht er. „Immer neben mir, im Bett …“ Und: „Hab es ihm auf den Kopf geschlagen. Bis er blutet … umfällt …“ Heinrich bäumt sich auf, heult: „Hab ihn umgebracht!“ Er würgt heftig und erbricht knapp an Philip vorbei auf den Fußboden, zittert, krampft, und kotzt gleich noch mal. – Dann sinkt er schwer gegen Philip, schmiegt sein nasses, kotzeverschmiertes Gesicht in Philips Ärmel. Der hält ihn fest, sein Gesicht in dem nassen Haar des Jungen vergraben, atmet dessen säuerlich ungewaschenen Geruch ein, streichelt ihn – ist zu keinem einzigen Wort fähig.


1173aaus Kapitel 11 - Snuff – reloaded
„Wir müssen das nicht so deutlich an die Öffentlichkeit bringen, findest du nicht?“
„Was denn?“ fragt Heinrich schläfrig. „Ich wollte mich nur ein bisschen bei dir anlehnen, weil ich so müde bin.“
„Sag mal - bist du dir eigentlich bewusst, wo wir hier sind? Wie teuer die Karten für diese Sitzplätze hier wären, hätten wir nicht eine persönliche Einladung des Solisten, der ein guter Freund von mir ist! – Reiß dich gefälligst zusammen!“
Heinrich grinst ihn an.
„Bläst der dir etwa so gut einen wie ich?“ fragt er laut und gut vernehmlich in die aufmerksame Stille des Zuschauerraumes, worauf sich die ersten Blicke auf sie richten.
Und als Heinrich sich nach vorne lehnt und seinen Kopf auf Philips Knie legt – und Philip ihn erschrocken an den Haaren wieder hochreißt - drehen sich ein paar vor ihnen sitzende Leute nach den beiden um.
„Ach ja …“ haucht Heinrich. „Ich bin dein … etwas ungehorsamer … Neffe? Und du versuchst mir nur etwas Kultur näher zu bringen …“ Er leckt mit der Zunge langsam über Ober- und Unterlippe.
„Du siehst bestimmt nicht wie ein Neffe von mir aus!“ entfährt es Philip mit so deutlichem Ekel in der Stimme – worauf der Junge noch lüsternere und provokativere Gesichter schneidet.
„Natürlich nicht!“ raunt er – und schreit dann auf: „Ich bin ja dein kleines Sexspielzeug!“
Fängt dann so schrill und ausgeflippt an zu lachen, dass sich nun alle um sie im Parkett sitzenden voller Entrüstung nach ihnen umdrehen, und die ersten Proteste zu dem ungehörigen Benehmen der beiden Männer zu hören sind.
Da schlägt Philip zu: Er ist von dem peinlichen Augenblick, von Heinrichs unfassbarem Gebaren so schockiert, dass er dem Jungen so hart mit dem Handrücken ins Gesicht schlägt, worauf der beinahe aus seinem mit rotem Plüsch bespannten Sessel kippt.
Heinrich setzt sich wieder aufrecht hin, der Kopf fällt ihm etwas nach vorne, und die langen Haare bedecken nun sein Gesicht.
Als er den Kopf hebt, und dadurch die meisten Strähnen aus seinem Gesicht gleiten, kann man deutlich sehen, wie stark er aus der Nase und an der Lippe blutet.
Ruhig sitzt Heinrich da, als ob er nun aufmerksam das Ballettgeschehen auf der Bühne verfolgen würde, obwohl seine vor Schmerzen tränenden Augen kaum noch etwas wahrzunehmen vermögen. Blut tropft auf sein weißes Hemd, auf den Kragen seines hellen Anzuges, auf die hübsche Krawatte …
Philip reißt erschrocken sein Stecktuch aus der Brusttasche und presst es Heinrich ins Gesicht. „Hier, halt es fest und drück es dir drauf – du blutest ja alles voll!“